Rennradfahrer auf nasser alpiner Bergstraße zwischen Felsen, Nebel und Serpentinen

1300 km solo durch die Alpen ab München

Sonja Höslmeier, Redakteurin bei InspiredBySports

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Sonja Höslmeier

6 Min. Lesezeit

Während du das hier liest, tritt irgendwo zwischen München und dem Stilfser Joch jemand allein in die Pedale. Seit Tagen, ohne Begleitwagen, ohne Box an der Strecke. Am 20. Juni sind die Fahrerinnen und Fahrer der Monaco di Baviera Classic im Münchner Morgengrauen losgerollt, 1300 Kilometer und 23.550 Höhenmeter vor sich, mit einer einzigen Deadline im Kopf: bis zum 27. Juni zurück in München sein. Kein Servicewagen, kein Soigneur, niemand, der dir nachts den Schlauch wechselt. Genau daraus zieht das Rennen seine Härte.

Kurzer Sprint

  • 1300 Kilometer, 23.550 Höhenmeter, Start in München am 20. Juni, Ziel-Deadline am 27. Juni.
  • Self-supported heißt: jedes Problem löst du allein. Kein Begleitfahrzeug, keine Box, kein Mechaniker an der Strecke.
  • Die Route sammelt die härtesten Alpenpässe ein: Stilfser Joch, Gavia, Mortirolo, Zoncolan, am Ende das Kitzbüheler Horn.
  • Schlafmanagement entscheidet mehr als die Beinkraft. Wer falsch pausiert, verliert Stunden, manchmal das Rennen.
  • Das Format wächst, weil es ehrlich ist. Keine Helfer, keine Ausreden, nur du, das Rad und die Uhr.

 

1300 Kilometer fahren, ohne dass jemand wartet

Ein normales Etappenrennen federt seine Fahrer ab. Da steht ein Bus, da wartet ein Physio, da reicht dir jemand die Flasche aus dem Auto. Bei der Monaco di Baviera Classic fällt das alles weg. Self-supported bedeutet, dass kein eigenes Team helfen darf: kein Begleitwagen, keine private Verpflegung, kein mitreisender Mechaniker. Wer nachts am Berg einen Platten hat, kniet sich allein an den Straßenrand und flickt bei Stirnlampenlicht, mit klammen Fingern. Wer Hunger hat, muss wissen, welche Tankstelle in den nächsten 40 Kilometern überhaupt offen hat. Die Veranstalter nennen das eine Unsupported Challenge, und hier ist das keine Pose, sondern die Regel.

Diese eine Regel verändert das Rennen. Tempo zählt weiter, aber es reicht nicht. Entscheidend wird, wie sauber du dich durch die nächsten Stunden steuerst. Wann und wo schlafe ich? Esse ich jetzt, obwohl ich keinen Hunger spüre, weil in zwei Stunden nichts mehr kommt? Ziehe ich die Regenjacke an, bevor es schüttet, oder spare ich die zwei Minuten? Tausend kleine Urteile sammeln sich, bis daraus Stunden Vorsprung oder der Ausstieg werden. Das ist Kraftsport, Navigation und Selbstkontrolle auf dem Rad.

 

Warum immer mehr Fahrer ohne Stützpunkt starten

Self-supported Ultracycling ist aus der Ecke der ganz Harten herausgewachsen. Seit dem Transcontinental-Boom der vergangenen Jahre hat sich eine Szene gebildet, die genau diese Reduktion sucht: ein Rad, ein Mensch, eine Strecke, sonst nichts. Die Monaco di Baviera Classic ist über die World UltraCycling Association gelistet und reiht sich in diese Bewegung ein. Wer mitfahren will, muss unterwegs in sogenannten Explorer-Point-Sektoren punkten, mindestens 20 davon, sonst zählt man am Ende nicht als Finisher.

Die Strecke sammelt einige der großen Namen des europäischen Bergsports ein. Sie führt von München nach Süden, durch Österreich in die italienischen Dolomiten, über Pässe, vor denen auch Profis Respekt haben.

München
Start im Morgengrauen, mitten aus der Stadt heraus Richtung Alpenrand.
Stilfser Joch
Einer der höchsten asphaltierten Pässe der Alpen, 48 Kehren auf der Ostrampe.
Gavia & Mortirolo
Zwei Giro-Legenden direkt hintereinander, der Mortirolo mit Rampen jenseits der 18 Prozent.
Monte Zoncolan
Der gefürchtetste Anstieg Italiens, kilometerlang am zweistelligen Limit.
Kitzbüheler Horn
Die finale Prüfung kurz vor dem Ziel, wenn die Beine längst leer sind. Danach zurück nach München.
1300 km
Gesamtstrecke ab und zurück nach München
23.550 hm
Höhenmeter über die Alpenpässe
7 Tage
Zeitfenster bis zur Ziel-Deadline

 

Was du dir vom Solo-Prinzip abschauen kannst

Du musst nicht 1300 Kilometer fahren, um aus diesem Rennen etwas mitzunehmen. Das Self-supported-Prinzip funktioniert auch im Kleinen. Die meisten von uns trainieren längst mit einem unsichtbaren Begleitwagen im Kopf: die App, die uns sagt, wann wir Pause machen sollen, das Video, das die Übung vormacht, die Gruppe, die uns zieht. Nichts davon ist falsch. Aber es nimmt dir die eine Fähigkeit ab, auf die es bei langen Belastungen ankommt: selbst zu spüren, was gerade dran ist.

Ein Ultracycling-Teilnehmer flickt nachts allein einen Platten an einer Alpenstraße, nur mit Stirnlampe und Werkzeug.
Einsamkeit und Durchhaltevermögen prägen 1300 Kilometer im Alleingang.

Die Profis auf der Strecke trainieren genau das. Mentale Ausdauer ist bei ihnen kein weiches Extra, sondern die härteste Disziplin, und sie versagt oft früher als die Muskulatur. Wer schon einmal nachts allein gefahren ist, an einer leeren Landstraße, ohne Musik, ohne jemanden, weiß: irgendwann redet nur noch der eigene Kopf, und der wird unangenehm ehrlich. Genau in diesem Moment trennt sich, wer das Format romantisiert, von dem, der es wirklich kann.

Der praktische Take ist unspektakulär und deshalb so wirksam. Plan deine nächste lange Einheit einmal komplett ohne Hilfsmittel. Keine Pausen-Erinnerung, keine Strecken-App, die dich an die Hand nimmt. Du entscheidest selbst, wann du isst, wann du trinkst, wann du umkehrst. Das ist näher an dem, was die Fahrer der Monaco di Baviera Classic gerade durchmachen, als jede Indoor-Session. Wer das Prinzip ernst nimmt, kommt übrigens auch beim Bikepacking auf dem Gravelrad oder bei einem längeren Ausdauerblock deutlich souveräner durch, einfach weil er gelernt hat, dem eigenen Urteil zu trauen statt dem Bildschirm.

Cool-down

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Was bedeutet self-supported bei einem Ultracycling-Rennen genau?
Es heißt, dass kein eigenes Team helfen darf. Kein Begleitfahrzeug, keine private Verpflegungsstation, kein Mechaniker, der mitreist. Erlaubt ist nur, was allen offensteht: Tankstellen, Supermärkte, öffentliche Werkstätten, normale Unterkünfte. Du trägst dein Material selbst und reparierst selbst. Das ist der Kern des Formats.
Wie lange dauert die Monaco di Baviera Classic?
Das Zeitfenster reicht vom Start am 20. Juni bis zur Ziel-Deadline am 27. Juni, also rund eine Woche. Die schnellsten Solofahrer brauchen deutlich weniger, schlafen kaum und fahren über Nacht durch. Wie schnell jemand ist, hängt fast genauso vom Schlaf- und Pausenmanagement ab wie von der reinen Leistung am Berg.
Kann man so etwas als ambitionierter Hobbyfahrer überhaupt fahren?
Grundsätzlich ja, das Feld ist gemischt und nicht nur aus Profis. Aber es braucht jahrelange Basis, erprobtes Material und sehr ehrliche Selbsteinschätzung. Sinnvoller Einstieg sind kürzere Brevets oder Bikepacking-Touren über zwei, drei Tage. Wer dort lernt, allein klarzukommen, weiß danach, ob das große Format überhaupt das eigene ist.
Was ist schwieriger, die Höhenmeter oder der Schlafentzug?
Erfahrene Ultrafahrer sagen fast einhellig: der Schlafentzug. Die Berge kosten Körner, aber sie sind planbar. Der Kopf dagegen wird nach der zweiten oder dritten kurzen Nacht unberechenbar, die Wahrnehmung kippt, Entscheidungen werden schlechter. Deshalb ist die Schlafstrategie bei vielen wichtiger als der letzte Watt-Wert.
Wie kann ich das Rennen live verfolgen?
Self-supported Rennen werden in der Regel über GPS-Tracker abgebildet, die Plattformen wie DotWatcher bündeln. Dort siehst du, wo die Fahrer gerade stehen, wer schläft und wer durchfährt. Das macht den Reiz für Zuschauer aus: Du verfolgst keine Etappenankunft, sondern eine Woche lang einen lebenden Punkt auf der Karte, der sich über die Alpen quält.

Bildquelle: Titelbild und Beitragsbilder KI-generiert (Juni 2026)

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