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Gastro-Jobs: Dein Workout für harte Zeiten und Muskeln

Elias Kollböck - Redakteur InspiredBySports

AUTOR:

Elias Kollböck

7 Min. Lesezeit

23.000 Schritte. 1.400 Kalorien. Temperaturen zwischen minus 18 und plus 43 Grad. Keine Rede von einem Crossfit-WOD. Das ist eine normale Abendschicht in einer Profiküche. Gastro-Jobs sind das härteste Workout, das die meisten Fitnessstudiogänger nie machen werden. Und trotzdem redet niemand darüber.

Kurzer Sprint

  • Servicekräfte laufen bis zu 23.000 Schritte pro Schicht. Köche stehen 8-10 Stunden und stemmen hunderte Kilo Gesamtlast.
  • Eine 8-Stunden-Küchenschicht verbrennt rund 1.400 Kalorien. Das ist mehr als zwei Gym-Sessions.
  • 90 Prozent der Küchenmitarbeiter berichten von Muskel- und Gelenkproblemen innerhalb eines Jahres.
  • Am Herd herrschen bis zu 43 Grad. Im Kühlraum minus 18. Dein Körper pendelt zwischen Sauna und Eisbad.
  • Arbeitgeber die Ergonomie, Pausen und Fitness-Benefits ernst nehmen, haben messbar weniger Fluktuation.

 

Gastro vs. Gym: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Du gehst ins Fitnessstudio und bist stolz auf deine 400 verbrannten Kalorien nach einer Stunde Krafttraining. Respekt. Aber ein Koch in einer Profiküche verbrennt das Dreifache. Nicht in einer Stunde, sondern über den ganzen Tag verteilt – dafür ohne Pause, ohne Playlist und ohne die Möglichkeit, einfach aufzuhören.

Die Rechnung ist simpel: Kochen hat einen MET-Wert von 2,5. Das ist der Metabolische Äquivalent-Wert, mit dem Sportwissenschaftler den Energieverbrauch von Aktivitäten vergleichen. Bei 70 Kilogramm Körpergewicht und einer 8-Stunden-Schicht ergibt das rund 1.400 Kalorien. Zum Vergleich: Eine Stunde Krafttraining liegt bei 210 bis 420 Kalorien, eine Stunde Joggen bei 490 bis 700.

Dazu kommt die Laufdistanz. Eine Pedometer-Studie hat gemessen: Servicekräfte laufen durchschnittlich 23.000 Schritte pro Tag. Das sind 16 bis 18 Kilometer. Pro Schicht. Köche bewegen sich weniger durch den Raum, stehen dafür aber 8 bis 10 Stunden stationär an ihrem Posten. Was nach weniger klingt, ist für Rücken, Knie und Füße oft belastender als Bewegung.

1.400
Kalorien pro Schicht
23k
Schritte (Service)
43°C
am Herd
90%
mit Gelenkproblemen

Quellen: MET-Compendium (Ainsworth et al.), Jenny Craig Pedometer-Studie, OSHA Food Services, PMC 2023

 

Dein Körper als Arbeitsgerät: Was die Küche wirklich verlangt

Stell dir vor, du machst ein Workout mit folgenden Vorgaben: 8 Stunden stehen. Alle paar Minuten einen 10-Kilo-Topf vom Herd heben. Zwischendurch in den Kühlraum bei minus 18 Grad, dann zurück an den Grill bei 43 Grad. Ohne Trinkpause, weil gerade 60 Bestellungen gleichzeitig reinkommen.

Das ist kein Extremsport-Szenario. Das ist Dienstag.

Eine Studie im Journal of Occupational Health hat Küchenmitarbeiter untersucht und das Ergebnis ist drastisch: 90,6 Prozent berichten von arbeitsbedingten Muskel- und Skelettproblemen innerhalb der letzten 12 Monate. Am häufigsten betroffen: unterer Rücken (64,8 Prozent), Knie (46,9 Prozent) und Füße (46,1 Prozent). Fast jeder dritte Koch ist durch Rückenschmerzen in seiner Arbeit eingeschränkt.

Dazu kommen die Temperaturwechsel. Die amerikanische Arbeitsschutzbehörde OSHA dokumentiert Temperaturen von bis zu 43 Grad Celsius direkt am Grill. Eine kanadische Pilotstudie von 2024 hat in 5 von 8 untersuchten Restaurantküchen die Grenzwerte für Hitzebelastung überschritten. Und dann gehst du in den Kühlraum. Minus 18 Grad. Dein Körper pendelt zwischen Sauna und Eisbad – nur ohne die Erholungsphasen, die du beim Sport einplanst.

 

Was gute Arbeitgeber anders machen

Die Belastung ist real. Aber sie ist nicht unvermeidbar. Es gibt Betriebe, die verstanden haben, dass ihre Mitarbeiter Athleten sind – und sie entsprechend behandeln.

Ergonomische Küchenplanung ist der erste Hebel. Arbeitshöhen die zum Körper passen, rutschfeste Böden, Matten gegen Stehbelastung. Klingt banal, reduziert aber nachweislich Rückenbeschwerden. Eine ergonomische Studie empfiehlt: Behälter-Lasten von ursprünglich 9 Kilogramm auf 3 Kilogramm reduzieren. Kleinere Gebinde, mehr Griffe, weniger Einzelbelastung.

Strukturierte Pausen sind der zweite Hebel. Nicht die offizielle 30-Minuten-Pause die niemand nimmt, sondern kurze Bewegungspausen alle 90 Minuten. Dehnen, Schultern kreisen, kurz raus an die frische Luft. Was Athleten als „Active Recovery“ kennen, fehlt in den meisten Küchen komplett.

Und dann gibt es die Betriebe, die noch einen Schritt weiter gehen: Fitness-Zuschüsse, Kooperationen mit Physiotherapeuten, gemeinsame Sporteinheiten vor oder nach der Schicht. Das sind keine Wellness-Gimmicks. Das ist Investitionsschutz. Denn ein Koch mit chronischen Rückenschmerzen ist ein Koch, der kündigt.

 

Sieben Küchen, sieben Intensitäten

Die Gastro Head Office Gruppe in München betreibt sieben Restaurants. Vom Fine Dining am Wittelsbacherplatz bis zur griechischen Küche in Schwabing. Jedes Haus hat ein anderes Tempo, eine andere Belastung, einen anderen Rhythmus.

Das ist ein Vorteil, den Einzelrestaurants nicht bieten können: Wenn ein Koch nach Jahren im Hochdruckbetrieb des Fine Dining eine ruhigere Station braucht, kann er intern wechseln. Ohne den Arbeitgeber zu verlassen. Ein Karrierepfad der funktioniert wie ein Trainingszyklus: Intensitätsphasen wechseln sich mit Erholungsphasen ab.

Zwei Häuser stehen im MICHELIN Guide. The Grill im Künstlerhaus wurde unter die besten Steakrestaurants der Welt gewählt. Über 170 Mitarbeiter arbeiten in der Gruppe. Der entscheidende Punkt: Eine zentrale Verwaltung sorgt dafür, dass Ergonomie und Arbeitsbedingungen nicht dem Zufall des einzelnen Restaurantleiters überlassen werden.

 

Regeneration: Was Sportler und Köche gemeinsam brauchen

Jeder Sportler weiß: Training ohne Regeneration ist Selbstzerstörung. In der Gastronomie hat sich das noch nicht herumgesprochen. 44 Prozent der Köche arbeiten zwischen 48 und 60 Stunden pro Woche. 14 Prozent arbeiten über 60 Stunden. Eine Studie zeigt: 51 Prozent leiden unter Depressionen, 78 Prozent hatten Arbeitsunfälle oder Beinahe-Unfälle aufgrund von Erschöpfung.

Die Parallelen zum Übertraining im Sport sind offensichtlich. Schlafmangel, chronische Entzündungen, motivationale Erschöpfung. Die Lösung ist dieselbe: periodisieren. Nicht jeden Tag Vollgas. Schichtpläne die Erholung ermöglichen. Freie Tage die wirklich frei sind.

56 Prozent der Köche nehmen Schmerzmittel um durch die Schicht zu kommen, 27 Prozent greifen zu Alkohol. Das sind keine Charakterschwächen. Das sind Symptome eines Systems, das seine Leute verschleißt. Die Betriebe die das ändern, gewinnen. Nicht weil sie nett sind. Sondern weil eine Fluktuation von 70 bis 80 Prozent bedeutet, dass du jedes Jahr drei Viertel deines Teams neu aufbauen musst. Bei Kosten von rund 5.000 Euro pro Neueinstellung ist das ein Loch im Budget, das sich mit Fitness-Zuschüssen günstiger stopfen lässt.

 

Was du tun kannst

Wenn du selbst in der Gastronomie arbeitest: Behandle deinen Körper wie das Arbeitsgerät das er ist. Dehnen vor der Schicht. Stabilisationsübungen für den Rücken. Gute Schuhe. Genug trinken – besonders in der Nähe des Grills, wo du dehydrierst ohne es zu merken.

Wenn du einen Betrieb führst: Rechne nach. Was kostet dich die Fluktuation? Was kostet eine ergonomische Küchenmatte? Was kostet ein Fitness-Zuschuss pro Mitarbeiter? Die Rechnung geht fast immer zugunsten der Prävention aus.

Und wenn du gerade überlegst, in die Gastro einzusteigen: Schau dir an, wie ein Betrieb seine Leute behandelt. Die Gastro Head Office Gruppe zeigt auf ihrem Employer Profile, wie das aussehen kann. Und auf shjft findest du offene Stellen bei Arbeitgebern, die es ernst meinen.

Cool-down

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Verbrennt ein Koch wirklich mehr Kalorien als im Gym?
Pro Stunde nicht. Aber über eine komplette 8-Stunden-Schicht verbrennt ein Koch rund 1.400 Kalorien (bei 70 kg Körpergewicht, MET-Wert 2,5). Das ist deutlich mehr als eine typische Gym-Session von 60 Minuten (200-700 kcal je nach Intensität). Der Unterschied: Das Gym-Workout ist komprimierte Intensität, die Küchenschicht ist Dauerlast.
Wie viel laufen Kellner wirklich pro Schicht?
Eine Pedometer-Studie hat durchschnittlich 23.000 Schritte pro Schicht gemessen. Das entspricht 16 bis 18 Kilometern. Köche bewegen sich weniger durch den Raum, stehen dafür aber 8 bis 10 Stunden stationär an ihrem Posten.
Was hilft gegen Rückenschmerzen in der Küche?
Drei Ansätze: Ergonomische Anpassungen (richtige Arbeitshöhe, Anti-Ermüdungsmatten, kleinere Behälterlasten), Bewegungspausen alle 90 Minuten (Dehnen, Schulterkreisen) und gezieltes Core-Training außerhalb der Arbeitszeit. Planks und Deadlifts sind die besten Freunde jedes Kochs.
Warum ist die Fluktuation in der Gastronomie so hoch?
Die Branche hat eine Fluktuationsrate von 70 bis 80 Prozent. Hauptgründe: körperliche Belastung ohne Ausgleich, lange Arbeitszeiten und fehlende Wertschätzung. Betriebe die Ergonomie, Schichtplanung und Team-Kultur ernst nehmen, haben deutlich stabilere Teams.
Wo finde ich Gastro-Jobs bei guten Arbeitgebern?
Auf shjft findest du offene Stellen in der Gastronomie mit Employer Profiles, die zeigen wie ein Arbeitgeber wirklich tickt.

 

Quelle Titelbild: Pexels

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