Junge europaeische Laeuferin Ende zwanzig mit hell-/mitteleuropaeischem Erscheinungsbild beim lockeren Tempolauf auf einer staedtischen Strasse im Morgenlicht, dynamische dokumentarische Sportfotograf

Marathon-Tapering: Was die letzten Wochen vor dem Rennen bringen


Sonja Höslmeier, Redakteurin bei InspiredBySports

AUTOR:

Sonja Höslmeier

7 Min. Lesezeit

Drei Wochen vor dem Marathon machst du das Gegenteil von allem, was sich richtig anfühlt. Du läufst weniger. Du sitzt mehr herum. Die Beine kribbeln, der Kopf macht Panik und eine Stimme flüstert, du verlierst gerade deine ganze Form. Genau dann beginnt der Teil des Trainings, der dein Rennen entscheidet: das Tapering. Und die meisten Hobbyläufer machen es falsch.

Kurzer Sprint

  • Sauberes Tapering bringt im Schnitt rund 3 Prozent Leistung. Auf eine Vier-Stunden-Marathonzeit sind das etwa 7 Minuten.
  • Das Volumen sinkt deutlich, die Intensität bleibt. Wer nur langsam und lange weiterjoggt, tapert falsch.
  • Optimal sind rund zwei Wochen mit progressiv fallendem Umfang. Drei Wochen sind die sichere Variante für Hobbyläufer.
  • Dein letzter langer Lauf gehört zwei bis drei Wochen vor den Start, nicht auf das letzte Wochenende.
  • Das mulmige Gefühl in der Taper-Phase ist normal und kein Formverlust. Läufer nennen es Taper-Tantrum.

 

Tapering: weniger laufen, besser ankommen

Was ist Tapering? Tapering ist die geplante Reduktion des Trainingsumfangs in den letzten zwei bis drei Wochen vor einem Wettkampf. Du senkst die Kilometer deutlich, hältst aber die Intensität. So erholt sich dein Körper und setzt die Trainingsreize der letzten Monate am Renntag in Leistung um.

Es ist kein verschämtes Ausruhen, sondern eine kontrollierte Entlastung. Die Arbeit der letzten Monate ist getan. Jetzt geht es nur noch darum, sie freizulegen.

Die bekannteste Auswertung dazu stammt von den Sportwissenschaftlern Iñigo Mujika und Sabino Padilla. Sie haben dutzende Tapering-Studien zusammengefasst und einen durchschnittlichen Leistungsgewinn von rund drei Prozent gefunden. Das klingt nach wenig. Auf eine Vier-Stunden-Marathonzeit gerechnet sind es gut sieben Minuten, die du allein dadurch holst, dass du in den letzten Wochen das Richtige nicht tust.

Der Denkfehler vieler Hobbyläufer: Sie sehen die letzten Wochen als letzte Chance, noch Form aufzubauen. Form baust du in dieser Zeit nicht mehr auf. Du legst sie nur frei.

~3 %
durchschnittlicher Leistungsgewinn durch sauberes Tapering
40-60 %
Umfangsreduktion in der heißesten Taper-Woche
2-3 Wo.
Abstand zwischen letztem langen Lauf und Startschuss

 

Was im Körper passiert, wenn du das Tempo rausnimmst

Sobald der Umfang sinkt, laufen drei Prozesse parallel. Erstens füllen sich deine Glykogenspeicher. Im harten Training sind sie chronisch halb leer, weil du sie schneller verbrauchst, als der Körper sie auffüllt. In der Taper-Phase lädt die Muskulatur auf und hat am Renntag deutlich mehr schnell verfügbare Energie.

Zweitens reparieren sich die Mikroschäden in den Muskelfasern, die sich über Wochen hoher Belastung angesammelt haben. Drittens beruhigen sich die Werte im Blut: Entzündungsmarker sinken, der Hormonhaushalt pendelt sich ein, das Immunsystem kommt zur Ruhe. Genau deshalb fühlen sich viele in der Taper-Woche kurz kränklich. Der Körper schaltet von Dauerstress auf Reparatur.

Du wirst in diesen Wochen nicht trainierter. Du wirst erholter, am Renntag ist das mehr wert. Wer gerade wieder sauber in eine Saison einsteigt, lernt diesen Mechanismus übrigens schon im Kleinen kennen: Pausen sind Teil des Trainings, nicht die Lücke dazwischen.

 

Volumen runter, Intensität halten: die zwei Stellschrauben

Der teuerste Tapering-Fehler ist gleichzeitig der naheliegendste: alles langsamer und kürzer machen. Das fühlt sich schonend an, raubt deinen Beinen aber den Rhythmus. Die Forschung ist hier ziemlich eindeutig. Du senkst den Umfang und behältst die Intensität.

Konkret heißt das: Laut den ausgewerteten Studien fällt der Gesamtumfang in der optimalen Taper-Phase um 40 bis 60 Prozent. Die Anzahl deiner Laufeinheiten pro Woche bleibt dagegen fast gleich, du machst sie nur kürzer. Und ein kurzer Block im Marathontempo gehört weiter dazu, damit dein Körper das Renntempo nicht verlernt. Drei mal ein Kilometer im Zieltempo bringen keinen Trainingsreiz mehr. Sie erinnern deine Beine nur an das Renntempo.

Wer seine Saison sauber periodisiert hat, für den ist das Tapering nur der logische letzte Block. Wer dagegen bis zwei Wochen vor dem Start Vollgas gegeben hat, kann mit dem besten Taper-Plan nur noch retten, was zu retten ist.

 

Der Drei-Wochen-Plan vor dem Marathon

Drei Wochen vorher: der letzte lange Lauf. 28 bis 32 Kilometer in ruhigem Tempo. Das ist deine letzte große Einheit. Danach geht der Umfang nur noch in eine Richtung: runter.

Zwei Wochen vorher: erstes Zurücknehmen. Der Gesamtumfang sinkt auf rund 70 bis 80 Prozent deiner normalen Wochen. Eine kurze Tempoeinheit im Marathontempo bleibt drin. Die langen, zähen Läufe sind ab jetzt vorbei.

Letzte Woche: deutlich kürzer treten. Umfang auf 40 bis 50 Prozent. Zwei bis drei kurze, lockere Läufe, dazu ein paar Steigerungen, damit die Beine wach bleiben. Zwei Tage vor dem Rennen ein kurzer Lauf von 20 bis 30 Minuten mit drei, vier Steigerungen. Mehr nicht.

Renntag. Du stehst ausgeruht, leicht unruhig und mit vollen Speichern am Start. Genau dieses Gefühl ist das Ziel des ganzen Taperings.

Tipp: Plane in der letzten Woche bewusst mehr Schlaf statt mehr Kilometer ein. Schlaf ist die unterschätzteste Taper-Maßnahme: Er erledigt genau die Regeneration, die du suchst, ohne dich etwas zu kosten. Eine Stunde früher ins Bett bringt dir mehr als jede zusätzliche Trainingseinheit.

 

Taper-Tantrum: warum du dich mies fühlst und es trotzdem klappt

Phantomschmerzen im Knie, schlechter Schlaf, Gereiztheit, das Gefühl, über Nacht unfit geworden zu sein. Läufer haben einen Namen dafür: Taper-Tantrum, der Taper-Wutanfall. Fast jeder, der ernsthaft auf einen Marathon hintrainiert, kennt diese Phase.

Der Grund ist halb körperlich, halb mental. Körperlich registrierst du auf einmal die Müdigkeit, die du wochenlang unter dem Trainingsstress nicht gespürt hast. Mental fehlt dir das tägliche Ventil. Laufen war dein Stressabbau, ausgerechnet jetzt nimmst du ihn dir weg. Die Phantomschmerzen sind dabei oft nichts weiter als gesteigerte Aufmerksamkeit für den eigenen Körper.

Das Wichtige: Dieses Gefühl ist ein gutes Zeichen, kein Warnsignal. Es bedeutet, dass dein Taper greift. Drei Prozent mehr Leistung gibt es nicht ohne ein paar unbequeme Tage davor.

 

Die typischen Tapering-Fehler

Panik-Training. Drei Tage vor dem Start doch noch eine harte Einheit, weil das Gewissen drückt. Sie bringt keine Form mehr und kostet Erholung. Lass es.

Neues ausprobieren. Neue Schuhe, neues Gel, neues Frühstück: Die Taper-Phase ist der schlechteste Zeitpunkt für Experimente. Alles, was am Renntag an deinem Körper ist, sollte im Training erprobt sein.

Intensität komplett streichen. Wer nur noch langsam joggt, kommt mit schweren, trägen Beinen an den Start. Kurze Reize im Renntempo gehören bis zuletzt dazu.

Zu kurz oder gar nicht tapern. Ein, zwei lockere Tage sind kein Taper. Für einen Marathon brauchst du zwei bis drei Wochen, in denen der Umfang strukturiert fällt.

 

Cool-down

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Wie lange sollte das Tapering vor einem Marathon dauern?
Für den Marathon gelten zwei bis drei Wochen als sinnvoll. Studien sehen das Optimum bei rund zwei Wochen mit progressiv fallendem Umfang. Hobbyläufer fahren mit drei Wochen oft besser, weil sie sich von langen Einheiten langsamer erholen. Kürzer als zwei Wochen reicht für die Marathondistanz nicht.
Soll ich in der Taper-Phase ganz aufhören zu laufen?
Nein. Du reduzierst den Umfang, du pausierst nicht. Die Anzahl der Laufeinheiten bleibt fast gleich, sie werden nur kürzer. Komplette Ruhe über mehrere Tage macht die Beine schwer und träge. Kurze, lockere Läufe mit ein paar Steigerungen halten den Rhythmus.
Warum nehme ich in der Taper-Woche manchmal zu?
Das ist normal und meistens kein Fett. Mit vollen Glykogenspeichern bindet dein Körper zusätzliches Wasser, etwa drei Gramm Wasser pro Gramm Glykogen. Ein bis zwei Kilo mehr auf der Waage sind genau das, was du am Renntag als Energiereserve brauchst. Iss normal weiter und ignoriere die Zahl.
Was mache ich, wenn ich mich in der Taper-Woche schlecht fühle?
Schwere Beine, schlechter Schlaf und kleine Phantomschmerzen sind in der Taper-Phase fast die Regel. Läufer nennen das Taper-Tantrum. Es ist ein Zeichen, dass dein Körper auf Reparatur umschaltet. Halte den Plan ein, schlafe viel und widerstehe dem Drang, doch noch eine harte Einheit einzuschieben.
Gilt Tapering auch für den Halbmarathon?
Ja, nur kürzer. Für den Halbmarathon reichen meist sieben bis zehn Tage Taper, weil die Vorbelastung geringer ist. Das Prinzip bleibt gleich: Umfang runter, Intensität halten. Je länger die Renndistanz, desto länger und wichtiger wird die Taper-Phase.

 

Bildquelle: KI-generiert (Mai 2026)

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