Läuferin auf der Bahn beim Sonnenuntergang als Symbol für Ausdauertraining

Le-Mans-Playbook: So trainieren Rennfahrer Ausdauer

Sonja Höslmeier, Redakteurin bei InspiredBySports

AUTOR:

Sonja Höslmeier

8 Min. Lesezeit

Im Cockpit eines Hypercars schlägt das Herz im Schnitt mit 130 Schlägen pro Minute. Drei Stunden am Stück, bei 40 Grad, mit Helm, Hans-System und Feuerschutzanzug. Das ist keine Kuriosität, das ist trainiertes Handwerk – und genau deshalb lohnt sich der Blick rüber. Wenn du in zehn Wochen einen Halbmarathon durchziehen willst und nicht weißt, wie du Ausdauer, Hitzeverträglichkeit und mentale Stabilität gleichzeitig hochfährst, hast du im Endurance-Cockpit von Le Mans ein erprobtes Playbook stehen. Du musst es nur abschreiben.

Kurzer Sprint

  • Le-Mans-Fahrer trainieren wie Endurance-Athleten: 60 bis 90 Minuten Dauerbelastung mehrmals pro Woche, plus Hitze-Adaption und Core-Stabilität.
  • Der wichtigste übertragbare Baustein: Sustain-Cardio bei 70 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz – nicht schneller, nicht langsamer. Genau dort sitzt die aerobe Schwelle, die du für jede Strecke ab zehn Kilometer brauchst.
  • Hitze-Training wird im Hobbybereich brutal unterschätzt. Zwei bis drei Sessions in warmer Halle oder mit zusätzlicher Schicht reichen, um die Plasmamenge messbar zu erhöhen – Ferrari macht das, du kannst das auch.
  • Nacken- und Core-Arbeit ist im Motorsport Pflicht und im Lauftraining Kür. Wer die Kür streicht, zahlt ab Kilometer 15 mit Haltung und Atmung.
  • Mentale Stabilität ist trainierbar wie ein Muskel. Die Stints-Logik der Fahrer – kleine Etappen statt eine große – funktioniert auch beim langen Lauf am Sonntag.

 

Was 24 Stunden Le Mans wirklich vom Körper verlangt

Drei bis vier Stints, jeweils zwei bis drei Stunden. Dazwischen Schlaf in einer Box, die nicht ruhig wird. Im Cockpit zeigt das Thermometer Werte zwischen 35 und 40 Grad, der Helm wiegt anderthalb Kilo, und die Querbeschleunigung in der Tertre-Rouge-Kurve liegt bei mehr als vier G. Der durchschnittliche Puls eines Fahrers während des Rennens bewegt sich laut Daten der Hersteller-Teams bei 130 Schlägen pro Minute, in den Bremsphasen geht er auf 160 hoch. Das ist die Belastung eines konstanten Tempolaufs, nur dass du nebenbei eine Maschine mit knapp 700 PS am Limit hältst.

Was du daraus mitnehmen kannst, hat nichts mit Lenkrad und Gangwahl zu tun. Es geht um die Frage, wie ein Körper über Stunden hinweg Leistung liefert, ohne in den letzten 30 Minuten einzubrechen. Genau die Frage stellst du dir auch beim Marathon, beim Trail oder bei einem langen Radtag in den Alpen.

130 bpm
Durchschnittlicher Puls im Cockpit über drei Stunden
40 °C
Spitzentemperatur im Innenraum während eines Stints
3–4
Stints pro Fahrer, je zwei bis drei Stunden lang

 

Die fünf Trainings-Bausteine aus dem Le-Mans-Playbook

Wenn du dir die Trainingspläne von Werksfahrern wie Harry Tincknell oder Sébastien Buemi anschaust, wiederholen sich fünf Elemente. Keine Magie, kein Geheimtraining. Was zählt ist die Reihenfolge und die Konsequenz, mit der jeder Block abgearbeitet wird.

1

Sustain-Cardio: 60 Minuten am Stück, drei Mal pro Woche

Radfahren oder Laufen, Puls auf 70 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz, keine Intervalle. Genau diese Zone simuliert den Stint-Charakter des Rennens. Für dich bedeutet das: ein langer Lauf am Wochenende plus zwei mittlere Einheiten unter der Woche, ohne dass du dich mit Tempotraining überlädst.

2

Hitze-Adaption: zwei kurze Sessions pro Woche

Toyota Gazoo Racing schickt seine Fahrer in beheizte Räume bei 35 Grad. Du brauchst keinen Klimaraum: 20 Minuten lockeres Laufband mit langer Hose und Pulli reichen, um die Plasmamenge zu erhöhen und die Schweißantwort zu beschleunigen. Wer im Mai vier solche Sessions absolviert, ist Anfang Juli nicht mehr derjenige, der bei 28 Grad einbricht.

3

Nacken- und Core-Stabilität: 15 Minuten pro Tag

Im Cockpit hält der Fahrer den Helm gegen 4G stabil. Beim Laufen hältst du deinen Kopf über hunderttausende Schritte ruhig. Plank-Varianten, seitliche Bridges, Dead Bugs und kontrollierte Nacken-Isometrien zwei bis drei Mal pro Woche – das ist kein Zusatz, das ist die Voraussetzung dafür, dass ab Kilometer 15 die Atmung nicht zusammenbricht.

4

Stints-Mentaltraining: lange Strecke in Etappen denken

Fahrer denken nie an 24 Stunden, sondern an den nächsten Tankstopp. Übertrage das auf den Halbmarathon: nicht die 21 Kilometer planen, sondern den nächsten Verpflegungspunkt. Drei Stints à sieben Kilometer fühlt sich anders an als ein Block. Klingt banal, ist die zuverlässigste Methode, mentale Einbrüche im hinteren Renndrittel zu verhindern.

5

Schlaf-Fragmentierung trainieren – aber sparsam

Le-Mans-Fahrer üben kurze, harte Naps zwischen Stints. Im Hobbybereich ist das übertrieben, aber die Idee dahinter ist gold: lerne, in 20 Minuten runterzufahren. Eine geführte Atemmeditation oder ein konsequenter Power-Nap-Reflex hilft am Renntag mehr als ein zusätzlicher Tempolauf in Woche acht.

„Wer 24 Stunden im Auto übersteht, hat vorher zwölf Monate lang gelernt, Dauerbelastung als Normalzustand zu behandeln. Genau diese Verschiebung der Wahrnehmung macht den Unterschied – auf der Strecke und auf dem Marathon.“

Was du übernehmen kannst und was du dir sparen darfst

Es gibt einen Punkt, an dem die Analogie zwischen Rennfahrer und Hobbyläufer aufhört. Du brauchst keine 4G-Tauglichkeit, kein Hans-System und keinen Krafttrainer, der dir Helm-Halte-Übungen verschreibt. Aber die Logik der Belastungsstruktur ist eins zu eins übertragbar – und ehrlich gesagt erschreckend einfach umzusetzen.

Übernehmen
  • Drei lange Sustain-Einheiten pro Woche
  • Bewusste Hitze-Sessions im Frühjahr
  • Tägliche Nacken- und Core-Mini-Routine
  • Etappen-Denken statt Gesamtdistanz
  • Schlaf-Reset als Trainingsbestandteil
Sparen
  • Volumen-Wahn jenseits der zehn Wochenstunden
  • Reaktionstraining mit Lichtsystemen
  • Spezifische G-Force-Halsprotokolle
  • Kohlenhydrat-Gels in jedem Lauf
  • Race-Simulator vor jedem Halbmarathon

Das Spannende an dieser Liste ist, was nicht draufsteht. Keiner der Bausteine kostet Geld, keiner braucht spezielles Equipment, und keiner verlangt fünfzehn Wochenstunden. Drei Cardio-Einheiten, zwei Hitze-Sessions, fünfmal pro Woche Core, dazu eine konsequente Schlafhygiene – das sind acht bis neun Stunden Training pro Woche und ein Effekt, den du nach drei bis vier Wochen messbar im Puls und im Gefühl bemerkst.

Ich habe das selbst durchgespielt, weil ich nicht glauben wollte, dass eine zwanzigminütige Sweatbox-Session mit Pulli auf dem Laufband irgendetwas bringt. Sie tut es. Nach drei Wochen war der Puls bei meinem Standard-Tempolauf bei warmen 26 Grad fünf Schläge niedriger als zuvor.

Cool-down

Klick auf eine Frage um die Antwort aufzuklappen.

Wie lang muss ein Sustain-Lauf sein, damit der Effekt einsetzt?
Mindestens 45 Minuten am Stück, ohne dass du in höhere Pulszonen kippst. Unter 45 Minuten greift der Anpassungsreiz auf die aerobe Schwelle zu wenig. Optimal sind 60 bis 75 Minuten – das deckt sich mit den Block-Längen, die Werksfahrer in ihren Wochen-Plänen abarbeiten.
Ist Hitze-Training für Hobbysportler nicht riskant?
Solange du im niedrigen Pulsbereich bleibst und die erste Session auf 15 Minuten begrenzt, ist das Risiko überschaubar. Wichtig ist, dass du vorher und nachher trinkst und auf Warnzeichen wie Kopfdruck oder Übelkeit sofort reagierst. Wer Vorerkrankungen am Herzen hat, klärt das vorab mit einem Sportarzt – sonst ist der Effekt eine der bestbelegten Anpassungsreize im Endurance-Sport.
Wie lange dauert es, bis der Stints-Trick beim langen Lauf wirkt?
Beim ersten Versuch oft schon. Die Hürde ist nicht die Methode, sondern die Disziplin, sie wirklich umzusetzen, statt im Kopf weiter die Gesamtdistanz zu rechnen. Drei oder vier lange Läufe in Etappen geplant reichen meistens, damit das Etappen-Denken automatisiert ist.

Quelle Titelbild: Pexels / Alex Kinkate

Auch verfügbar in