Kletterer auf einer Via Ferrata Leiter an einer steilen Felswand in den Alpen

Klettersteig Guide: Sicher starten auf der Via Ferrata

Elias Kollböck - Redakteur InspiredBySports

AUTOR:

Elias Kollböck

6 Min. Lesezeit

1.000 Meter über dem Tal, ein Stahlseil in der Hand und der nächste Tritt drei Zentimeter breit. Klettersteige sind der schnellste Weg vom Wanderer zum Alpinisten. Über 1.000 Via Ferratas warten im Alpenraum auf dich. Aber: 54 Prozent aller Notfälle passieren durch Überforderung. Dieser Guide zeigt dir, wie du 2026 sicher einsteigst.

Kurzer Sprint

  • Über 1.000 Klettersteige im Alpenraum, davon 100+ allein in Bayern
  • Komplette Ausrüstung (Set, Gurt, Helm) ab rund 250 Euro
  • Schwierigkeitsskala A bis F – Einsteiger starten bei B
  • 54 Prozent aller Notfälle durch Überforderung (DAV Bergunfallstatistik)
  • Saison April bis Oktober – beste Einstiegszeit: Juni und September
1.000+
Klettersteige in den Alpen
1,57 Mio.
DAV-Mitglieder (2024)
54 %
Notfälle durch Überforderung
~250 €
Einstiegskosten Ausrüstung

Quellen: DAV Bergunfallstatistik 2020/21, alpenverein.de (2024)

 

Was ist ein Klettersteig?

Was ist ein Klettersteig? Ein Klettersteig (italienisch: Via Ferrata, wörtlich „eiserner Weg“) ist ein mit Stahlseilen, Leitern, Klammern und Trittstiften gesicherter Steig im Fels. Du bewegst dich am Stahlseil entlang und sicherst dich mit einem speziellen Klettersteigset. Im Gegensatz zum freien Klettern bist du durchgehend gesichert – vorausgesetzt, du hängst dich korrekt ein.

Die Geschichte reicht bis in den Ersten Weltkrieg zurück. Italienische und österreichische Soldaten legten Versorgungswege durch die Dolomiten an, befestigten Stahlseile und Leitern an senkrechten Felswänden. Was als militärische Notwendigkeit begann, wurde nach dem Krieg zum Bergsport. Heute sind Klettersteige die Brücke zwischen Wandern und Klettern: Du brauchst keine jahrelange Klettererfahrung, aber deutlich mehr als Wanderschuhe und guten Willen.

Der Boom hält an. Der Deutsche Alpenverein zählt 1,57 Millionen Mitglieder (Stand 2024). Im gesamten Alpenraum gibt es über 1.000 Klettersteige. In Österreich allein über 400, in den bayerischen Alpen über 100. Jedes Jahr kommen neue dazu, oft mit spektakulären Elementen wie Hängebrücken oder Seilrutschen. Wer schon Bouldern in der Halle ausprobiert hat, findet im Klettersteig den logischen nächsten Schritt nach draußen.

 

Die Schwierigkeitsskala: Von A bis F

Die sogenannte Hüsler-Skala (benannt nach dem Schweizer Autor Eugen Hüsler) teilt Klettersteige in sechs Schwierigkeitsgrade ein. Anders als beim Klettern beschreibt die Skala nicht nur die technische Schwierigkeit, sondern auch die körperliche Anforderung und die Ausgesetztheit.

A (leicht): Gesicherter Wanderweg. Drahtseil als Handlauf, keine steileren Passagen. Geeignet für trittsichere Wanderer, die sich an den Fels herantasten wollen.

B (mäßig schwierig): Steilere Passagen, teilweise senkrechte Leitern. Etwas Kraft in den Armen nötig. Der ideale Einstiegsgrad für alle, die es ernst meinen.

C (schwierig): Senkrechte bis leicht überhängende Passagen. Gute Armkraft, Klettererfahrung und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung.

D (sehr schwierig): Lange überhängende Passagen, hohe Anforderung an Kraft und Ausdauer. Nur für erfahrene Klettersteiggeher.

E und F (extrem): Lange, kraftraubende Überhänge. Klettersport-Fitness erforderlich. Für Profis mit regelmäßiger Kletterpraxis.

Für deinen Einstieg: Such dir eine Route mit Schwierigkeit B. Das bedeutet echtes Klettersteig-Feeling mit Stahlseil und Leitern, aber keine Passagen die dich in Panik versetzen. Wichtig: Die Schwierigkeit sagt nichts über die Länge oder den Zustieg. Ein kurzer B-Klettersteig mit 30 Minuten Zustieg ist ein komplett anderes Erlebnis als ein B-Steig mit zwei Stunden Aufstieg vorab.

 

Ausrüstung: Was du wirklich brauchst

Die gute Nachricht: Klettersteig-Ausrüstung ist überschaubar und günstiger als die meisten Sportarten in dieser Liga. Du brauchst genau vier Dinge neben deinen Bergschuhen:

1. Klettersteigset (70 bis 190 Euro): Das Kernstück. Zwei Karabiner an elastischen Armen, die am Klettergurt befestigt werden. Das Set fängt einen Sturz auf und leitet die Energie über einen Bandfalldämpfer ab. Achte beim Kauf auf die aktuelle Norm EN 958:2017. Bewährte Modelle: Edelrid Cable Kit, Petzl Scorpio, Salewa Ergo Tex.

2. Klettergurt (40 bis 80 Euro): Ein einfacher Hüftgurt reicht für Klettersteige. Du brauchst keinen Brustgurt und kein High-End-Modell. Wichtig: Der Gurt muss so sitzen, dass du eine flache Hand zwischen Gurt und Hüfte schieben kannst.

3. Kletterhelm (40 bis 70 Euro): Steinschlag passiert. Besonders wenn andere Kletterer über dir am Steig sind. Der Helm ist nicht optional, auch nicht bei einfachen Routen.

4. Klettersteig-Handschuhe (15 bis 30 Euro): Das Stahlseil ist rau und nach zwei Stunden ohne Handschuhe weißt du warum. Fingerfreie Modelle bieten den besten Kompromiss aus Schutz und Griffgefühl.

Tipp für den Anfang: Ausleihen statt kaufen. Viele DAV-Sektionen und Bergsportläden vermieten Klettersteig-Komplettsets für 15 bis 25 Euro pro Tag. Nach drei Touren weißt du, ob du investieren willst. Die Komplettausrüstung zum Kaufen liegt bei rund 250 Euro.

 

Dein erster Klettersteig in fünf Schritten

Schritt 1: Kurs machen. DAV-Sektionen und Bergschulen bieten Einsteigerkurse ab 40 Euro. An einem Tag lernst du: Klettersteigset anlegen, am Zwischenanker umhängen, Gehen am Drahtseil, Leitersteigen und Verhalten bei Gewitter. Das lässt sich nicht per YouTube-Video ersetzen. Am Fels ist kein Pausenknopf.

Schritt 2: Fitness aufbauen. Klettersteige fordern vor allem Griffkraft, Oberkörper-Ausdauer und Trittsicherheit. Ein gutes Vorbereitungsprogramm: Zwei Mal pro Woche Klimmzüge oder Rudern für den Oberkörper. Dead Hangs für die Griffkraft, mindestens 30 Sekunden am Stück. Und regelmäßig Wandern auf unebenem Terrain für die Trittsicherheit. Drei bis vier Wochen vor der ersten Tour solltest du intensivieren.

Schritt 3: Route wählen. Schwierigkeit B, kurzer Zustieg (unter einer Stunde), gut dokumentiert. Online-Datenbanken wie via-ferrata.de oder klettersteig.de zeigen Schwierigkeit, Länge, Zustieg und aktuelle Bedingungen. Lies die Bewertungen anderer Kletterer und achte auf Hinweise zu Schneeresten oder gesperrten Abschnitten.

Schritt 4: Wetter checken. Klettersteige und Gewitter sind eine lebensbedrohliche Kombination. Das Stahlseil ist ein Blitzableiter – und du hängst daran. Gleichzeitig macht Nässe den Fels rutschig und Eisensprossen glitschig. Regel: Wenn die Wettervorhersage für den Nachmittag unsicher ist, starte früh oder bleib unten. Lieber eine Tour verschieben als am nassen Fels hängen.

Schritt 5: Partnercheck. Am Einstieg: Kontrolliert euch gegenseitig. Gurtverschluss korrekt geschlossen, Klettersteigset fest am Gurt eingehängt, Helm sitzt ohne Wackeln. Das dauert 60 Sekunden und kann alles verhindern. Wer Breathwork-Techniken kennt, kann vor dem Einstieg noch drei tiefe Atemzüge nehmen, um den Puls zu beruhigen.

 

Die drei häufigsten Fehler am Klettersteig

Fehler 1: Zu schwere Route. Die DAV-Bergunfallstatistik ist hier eindeutig: 54 Prozent aller Klettersteig-Notfälle gehen auf Blockierungen zurück. Die Person kommt weder vor noch zurück, hängt am Seil und braucht Hilfe. Das passiert fast immer durch eine zu ambitionierte Routenwahl. Die Faustregel: Lieber eine Stufe leichter und Spaß haben als eine Stufe zu schwer und die Bergrettung rufen.

Fehler 2: Arme statt Beine. Viele Einsteiger ziehen sich am Stahlseil hoch. Das funktioniert die ersten 20 Minuten. Danach brennen die Unterarme und du hast noch eine Stunde vor dir. Die Lösung: Mit den Beinen klettern, das Seil nur zur Balance nutzen. Feste Bergschuhe mit steifer Spitze helfen enorm, weil du auf kleinen Tritten sicher stehen kannst. Ein Klettersteig wird zu 70 Prozent mit den Beinen bewältigt.

Fehler 3: Kein Plan B. Was machst du, wenn das Wetter umschlägt? Wenn du merkst, die Route ist zu schwer? Wenn dein Partner nicht weiterkommt? Vorher überlegen, nicht erst am Fels. Die meisten Klettersteige haben Notabstiege. Wisse vorher wo sie sind. Und: Umkehren ist keine Niederlage. Die erfahrensten Alpinisten sind die, die am häufigsten umgedreht haben.

 

Klettersteige sind einer der besten Wege, um den Bergsport für dich zu entdecken. Du brauchst keine jahrelange Klettererfahrung, keine extreme Fitness und kein Equipment für tausende Euro. Was du brauchst: einen Kurs, die richtige Route und den Respekt vor dem Berg. Die Saison startet jetzt. Mit dem richtigen Einstieg wirst du verstehen, warum Klettersteiggeher sagen: Der Weg nach oben ist das Training, der Blick vom Gipfel die Belohnung.

Cool-down

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Wie fit muss ich für meinen ersten Klettersteig sein?
Du solltest 30 Sekunden an einer Klimmzugstange hängen können (Dead Hang) und eine zweistündige Wanderung mit 500 Höhenmetern schaffen. Das reicht für einen B-Klettersteig mit kurzem Zustieg. Wer regelmäßig Krafttraining macht oder bouldert, hat die nötige Grundfitness bereits.
Kann ich alleine auf einen Klettersteig gehen?
Technisch ja, empfohlen wird es aber nicht. Am Klettersteig gibt es keinen Sicherungspartner wie beim Klettern, aber ein Begleiter hilft bei Notfällen, Blockierungen und beim Partnercheck am Einstieg. DAV-Sektionen organisieren regelmäßig Gruppentouren für Einsteiger.
Ab welchem Alter sind Klettersteige möglich?
Grundsätzlich ab etwa 10 bis 12 Jahren mit passender Ausrüstung und Begleitung durch Erwachsene. Wichtig: Standard-Klettersteigsets sind auf ein Mindestgewicht von 40 Kilogramm ausgelegt (Norm EN 958:2017). Leichtere Personen brauchen spezielle Kindersysteme.
Was kostet ein Klettersteig-Einsteigerkurs beim DAV?
Zwischen 40 und 80 Euro für einen Tageskurs bei einer DAV-Sektion. Private Bergschulen liegen bei 80 bis 150 Euro pro Person. Im Kurs enthalten sind meistens die Leihausrüstung und die Betreuung durch einen zertifizierten Bergführer. Für DAV-Mitglieder gibt es Ermäßigungen.
Wie lange dauert ein typischer Klettersteig?
Ein kurzer Einsteiger-Klettersteig (Schwierigkeit B) dauert am Steig selbst 1 bis 2 Stunden. Dazu kommen Zustieg und Abstieg, die je nach Route zwischen 30 Minuten und 2 Stunden dauern. Plane für deinen ersten Klettersteig einen halben Tag ein, inklusive Pausen.

 

Quelle Titelbild: Pexels / Susanne Jutzeler, suju-foto (px:11034345)

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