Symbolbild zum Beitrag: Nazaré wartet auf den Swell: So entstehen die Riesenwellen

Nazaré wartet auf den Swell: So entstehen die Riesenwellen

5 Min. Lesezeit

Am 1. November öffnet die World Surf League (WSL) das Wettbewerbsfenster für die TUDOR Nazaré Big Wave Challenge, es läuft bis Ende März 2027. Der Wettbewerb dauert genau einen Tag. Welcher Tag das wird, hängt vom Atlantik ab. Gleichzeitig stellt eine 2026 veröffentlichte Studie die gängige Erklärung infrage, warum die Wellen vor der Praia do Norte so hoch werden.

⚡

Kurzer Sprint

  • ▸ Die WSL öffnet am 1. November das Fenster für die TUDOR Nazaré Big Wave Challenge.
  • ▸ Neun Tow-in-Teams treten an genau einem Tag bei Swell ab etwa 25 Fuß an.
  • ▸ Eine Studie von 2026 zeigt, dass die Canyonkante den Swell umlenkt und bündelt.
  • ▸ Jedes Teammitglied muss seinen Partner per Jetski sicher in die Welle ziehen und retten können.

Die WSL wartet ab dem 1. November auf den richtigen Tag

Auf ihrem Big-Wave-Kalender führt die World Surf League die TUDOR Nazaré Big Wave Challenge mit einem Zeitraum vom 1. November bis 31. März. Innerhalb dieses Fensters findet der Wettbewerb an einem einzigen Tag statt. Laut der Ausschreibung, die das Surfmagazin Carve im Oktober 2026 veröffentlichte, braucht es dafür an der Praia do Norte einen soliden Swell ab 25 Fuß (rund 7,6 Meter) und Bedingungen, die einen sicheren Ablauf erlauben. Deshalb lässt sich heute kein Termin nennen.

Eingeladen sind neun Teams. Sechs Männerteams surfen zwei Halbfinals, die Sieger beider Läufe und das punktbeste zweitplatzierte Team ziehen ins Finale ein. Drei Surferinnen fahren ein gemeinsames Finale, jede wird dabei von einem eigenen Jetski-Fahrer in die Welle gezogen. Die Punktrichter bewerten jede Welle mit 0 bis 10 Punkten. In die Wertung gehen die zwei besten Wellen ein, wobei die bessere doppelt zählt.

Die vergangene Ausgabe lief am 13. Dezember 2025. Lucas Chianca aus Brasilien und Justine Dupont aus Frankreich gewannen die Einzelwertungen, Nic von Rupp und Clement Roseyro holten erneut den Teamtitel. Für die neue Saison stehen alle drei Namen wieder auf der Einladungsliste, die die Veranstalter bis zum Wettkampftag noch ändern können.

Ein Canyon vor der Küste formt die Wellen

Vor Nazaré zieht sich ein Unterwasser-Canyon rund 200 Kilometer weit von der Küste bis in die Tiefsee, an seiner tiefsten Stelle reicht er über 5.000 Meter hinab. Sein Ende liegt nur rund zehn Meter vor der Küstenlinie, daneben erstreckt sich ein flacher Schelf. Weil die Wassertiefe an der Kante abrupt wechselt, ändert sich dort auch die Geschwindigkeit, mit der sich der Atlantikswell ausbreitet.

Das Instituto Hidrográfico der portugiesischen Marine beobachtet das Gebiet seit dem Projekt MONICAN, das zwischen 2008 und 2011 aufgebaut wurde. Eine Messboje liegt über 2.000 Metern Wassertiefe, eine zweite küstennah über 90 Metern. Für beide Positionen rechnet das Institut mit einem Wellenmodell eigene Seegangsvorhersagen, sodass sich große Swells vor ihrer Ankunft abzeichnen.

An diesem Strand ritt der deutsche Surfer Sebastian Steudtner im Oktober 2020 eine Welle, die Guinness World Records 2022 mit 26,21 Metern als größte gesurfte Welle anerkannte. Für die Messung wurden Einzelbilder aus Videoaufnahmen geometrisch entzerrt, bekannte Größen wie der Surfer selbst dienten als Maßstab.

26,21 m
So hoch war die Welle, die Sebastian Steudtner 2020 in Nazaré surfte und die Guinness 2022 als Rekord anerkannte.
Guinness World Records

Warum die Canyonkante den Swell bündelt

Die gängige Erklärung lautete lange, der Canyon leite den Swell wie ein Kanal direkt an den Strand. Ein Team um Gaute Hope widerspricht dem in einer Studie, die seit Juni 2026 als Vorabfassung bei der European Geosciences Union in der Begutachtung steht. Die Forscher setzten Bojenfelder über dem Canyon aus und beobachteten die Kante mit Stereokameras von der Klippe, so erfassten sie das Wellenfeld genauer als frühere Messungen.

Nach ihren Daten wird der Swell an der Kante des Canyons umgelenkt und reflektiert, weil er dort plötzlich auf tieferes Wasser trifft und schneller wird. Wellen mit einer Periode über etwa sieben Sekunden werden an der Kante größtenteils zurückgeworfen. So bündelt sich ihre Energie auf bestimmte Abschnitte des Strandes. Am stärksten wirkt das bei Swell aus 275 bis 315 Grad, also aus West bis Nordwest, was sich mit der Erfahrung der Surfer vor Ort deckt.

Den Rückwurf langer Wellen an der Kante beschreiben die Autoren als Muster, das viele Canyons weltweit teilen. Nazaré sticht heraus, weil die Rinne so nah an die Küste reicht und dort Brecher von über 20 Metern Höhe entstehen.

Entscheidend ist laut der Studie die Form der Kante auf den letzten paar Hundert Metern vor der Küste, weil sie bestimmt, wo genau sich die Energie sammelt. Die Arbeit ist noch nicht abschließend begutachtet. Sie erklärt trotzdem, warum die Richtung des Swells für die Größe der Wellen an der Praia do Norte so viel ausmacht.

Tow-in verlangt ein eingespieltes Team

Beim Tow-in zieht ein Partner auf dem Jetski den Surfer in die Welle, danach übernimmt der Fahrer die Rettung aus dem Weißwasser. Die Ausschreibung für 2026/27 verlangt deshalb, dass jedes Teammitglied seinen Partner sicher in die Welle ziehen und aus ihr retten kann. Fällt diese Rolle aus, bleibt ein gestürzter Surfer in der Brandung ohne Hilfe.

Welche Folgen ein Sturz haben kann, zeigte der 5. Januar 2023. Der Brasilianer Márcio Freire stürzte beim Tow-in an der Praia do Norte, Helfer brachten ihn per Jetski an den Strand, die Wiederbelebung blieb erfolglos. Laut der portugiesischen Seepolizei war er der erste Surfer, der an diesem Spot ums Leben kam.

Westen und Training gehören heute zur Ausrüstung

Die aufblasbare Weste für Big-Wave-Surfer entstand nach Angaben der WSL im Jahr 2011. Sie trägt Luftkammern, die der Surfer nach einem Sturz über eine Zuglasche mit CO2-Patronen füllt, damit ihn der Auftrieb schneller an die Oberfläche bringt. Den Anstoß gab Shane Dorian, den 2010 bei Mavericks in Kalifornien zwei Wellen hintereinander unter Wasser hielten. Die Idee des Auftriebs ist im Tow-in älter: Schon im Jahr 2000 kündigte Laird Hamilton laut WSL an, in Teahupoʻo auf Tahiti eine feste Auftriebsweste zu tragen. Sein Körper sollte nach einem Bewusstseinsverlust aufschwimmen, damit ihn die Helfer schnell finden.

Parallel dazu wuchs die Ausbildung. Die Big Wave Risk Assessment Group entstand auf Hawaii nach dem Tod des Surfers Sion Milosky. Laut WSL schulte sie 2014 auf einem zweitägigen Treffen Profis in Atemspende, im Schutz der Wirbelsäule und im sicheren Umgang mit dem Jetski.

Offen bleibt bis zum letzten Moment der Termin. Die WSL ruft den Wettkampftag erst aus, wenn Swell, Wind und Gezeiten zusammenpassen. Wer in Nazaré zuschauen will, braucht deshalb Geduld und einen Blick auf die Vorhersage für den Nordatlantik.

Cool-down

Klick auf eine Frage, um die Antwort aufzuklappen.

Wann findet die TUDOR Nazaré Big Wave Challenge 2026/27 statt?
Die WSL hat ein Fenster vom 1. November 2026 bis 31. März 2027 angesetzt. Der Wettbewerb läuft an einem einzigen Tag, den die Veranstalter erst kurzfristig nach Swell und Wetterlage festlegen. Ein Termin steht deshalb noch nicht fest.
Warum sind die Wellen in Nazaré so groß?
Vor der Küste liegt ein Unterwasser-Canyon, an dessen Kante die Wassertiefe abrupt wechselt. Eine Studie von 2026 zeigt, dass der Swell dort umgelenkt und reflektiert wird und sich auf Abschnitte des Strandes bündelt. Besonders stark wirkt das bei Swell aus West bis Nordwest.
Was ist Tow-in-Surfen?
Ein Partner zieht den Surfer mit dem Jetski in die Welle und holt ihn nach dem Ritt oder Sturz wieder heraus. Beim Wettbewerb in Nazaré müssen alle Teammitglieder ihren Partner sicher ziehen und retten können. Viele Big-Wave-Surfer tragen dazu aufblasbare Westen mit CO2-Patronen.

Quelle Titelbild: Pexels / Koji Kamei (px:4766654)